Die Schule der Zukunft

Wie werden unsere Kinder bestmöglich auf eine digitale Welt vorbereitet?

Video: © pexels.com

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Stolz reckt sich das Gemäuer des Dionysianums in Rheine gen Himmel. Kein Mensch würde vermuten, dass sich hinter der 100 Jahre alten Fassade eines der digitalsten Gymnasien Deutschlands versteckt. Auf der Plattform schulen.de glänzt das Dionysianum mit der deutschlandweit besten Bewertung.

Der Eingang zum Dionysianum in Rheine. Foto: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

Der Eingang zum Dionysianum in Rheine. Foto: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

Die Corona-Pandemie war hier, genau wie überall, Herausforderung und Chance zugleich. Doch wie viel Digitalisierung ist überhaupt sinnvoll in einer Schule? Und wie könnte eine Schule der Zukunft aussehen?

Ein Rundgang durch die Schule der Zukunft

1. Digitaler Unterricht in Rheine

Schulleben am Gymnasium

Eigentlich hatten sich die Schüler:innen des Dionysianums ihren Frankreich-Austausch anders vorgestellt. Sie sitzen im Klassenzimmer in Rheine in Nordrhein-Westfalen, die sanfte Stimme des französischen Sängers Lonepsi schallt durch den Raum, hier und da hört man leises Lachen. Die Köpfe der Achtklässler:innen hängen tief über den iPads, die während der Stunde ausgeteilt wurden. Zwischendurch schnellt ein Kopf nach oben, ein paar Worte mit den Sitznachbar:innen werden gewechselt, dann folgt wieder konzentriertes Wischen auf dem Tablet.

Es ist die letzte Stunde des digitalen Frankreich-Austauschs der siebten und achten Klassen, in zwei Wochen beginnen die Ferien in Nordrhein-Westfalen. Zu Beginn zeigt die Lehrerin einen Film, den die Tauschpartner:innen in Frankreich gedreht haben: eine digitale Führung durch die Schule. Ein Arbeitsblatt, bedruckt mit sechs QR-Codes, soll die Schüler:innen an die Projekte erinnern, die im Laufe des Schuljahres entstanden sind – zum Beispiel eine interaktive Karte, in denen die Schüler:innen ihre Lieblingsorte in der Heimat auf französisch beschrieben haben oder das französisch-deutsche Kochbuch, das die Klassen als E-Book angelegt haben. Die Fahrt nach Frontenay-Rohan-Rohan, eine kleine Gemeinde im Westen Frankreichs, musste dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie ausfallen. „So ein digitaler Austausch ist zwar mit einem Austausch vor Ort nicht vergleichbar”, sagt die stellvertretende Schuldirektorin, Karin Schulz-Benneke, die das Projekt leitet. „Aber es ist besser, als gar nicht mit den Tauschpartner:innen sprechen zu können.” 

Video: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

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Ein digitaler Austausch, wie er hier in Rheine stattgefunden hat, ist wahrscheinlich nur an wenigen Schulen möglich. Nicht umsonst ist das Dionysianum im Onlineportal schulen.de auf Platz eins. In der Kategorie „Digitale Schule” erreichte das Gymnasium fünf von fünf Sternen. Digitale Tafeln und Dokumentenscanner gehören hier zur normalen Ausstattung. Die Apple TVs und iPads kommen dagegen noch nicht so häufig zum Einsatz, wie manche Schüler:innen sich das wünschen würden. Bisher stehen der Schule nur 30 iPads zur Verfügung – das genügt, um sie ab und zu in den Unterricht einzubauen, nicht aber um sie zum festen Bestandteil des Schulalltags zu machen.

Alles zu digitalisieren, das sei sowieso nicht sinnvoll, sagt Schulleiter Oliver Meer. „Auch analoge Medien sind für den Unterricht unverzichtbar.” In seinem Methoden- und Mediencurriculum hat das Dionysianum festgelegt, in welcher Stufe welches Medium eingeführt wird. Das beginnt in der fünften Klasse mit einem Wörterbuch, in der siebten kommt der Taschenrechner und in der neunten der Film dazu. „Analoge Medien sind uns genauso wichtig wie digitale. Die Lehrer sollen immer das einsetzen, was für den jeweiligen Unterricht am sinnvollsten ist”, sagt Meer.

Video: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

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Zwei unverzichtbare Pfeiler der digitalen Infrastruktur am Dionysianum: das Internet und das iServ-System. „Diese Neuerungen, ein stabiler Internetzugang und iServ als Online-Plattform, sind erst durch Corona richtig in Fahrt gekommen”, sagt Schulleiter Meer. iServ ist die Schul-Cloud, die Lehrkräfte und Schüler:innen nutzen können, um Arbeitsblätter auszugeben, Tests zu schreiben und Videokonferenzen abzuhalten. Bereitgestellt wird das System von der IT-Abteilung der Stadt Rheine. „Dass wir als Schule so gut aufgestellt sind, liegt maßgeblich am Medienentwicklungsplan der Stadt”, sagt die stellvertretende Schulleiterin Schulz-Benneke.

Über die Plattform iServ bekommen Schüler:innen in Rheine Zugriff auf sämtliche Unterrichtsmaterialien. Foto: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

Über die Plattform iServ bekommen Schüler:innen in Rheine Zugriff auf sämtliche Unterrichtsmaterialien. Foto: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

Denn, dass die Verantwortung für gute Bildung bei der Politik liegt, hat die Stadt Rheine frühzeitig erkannt.

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2. Eine Stadt setzt auf Bildung

Die treibende Kraft zur Veränderung

Im Jahr 2010 verabschiedete die Stadt Rheine erstmals einen Medienentwicklungsplan zur nachhaltigen Digitalisierung des kommunalen Schulsystems. „Zwei der Kernelemente dieser ersten Stufe des Medienentwicklungsplans waren, die Räume mit interaktiven Whiteboards auszustatten und ausreichend Tablet-Klassensätzen zur Verfügung zu stellen“, sagt Raimund Gausmann, zuständiger Beigeordneter der Stadt Rheine. Im Herbst 2016 wurde der Plan erneut um fünf Jahre verlängert. Ziel sei es nun, allen Schülerinnen und Schülern die digitale Begleitung des Unterrichts in Form von Bring-Your-Own-Device zu ermöglichen.

Ein weiteres wichtiges Element der Schuldigitalisierung: die Wartung und der IT-Support der Technik. Auch hier ist man in Rheine gut aufgestellt. „Es hilft nichts, Geräte hinzustellen, wenn sie nicht laufen.“, sagt Gausmann. Es brauche daher auch schnelle Wartungsmöglichkeiten. Die Stadt hat deshalb zehn IT-Spezialisten eingestellt, die für die technische Betreuung der 22 Schulen in der Stadt zuständig sind. „Das ist schon eine Hausnummer.“

Auch das Thema Lehrerfortbildung spielt in Rheine eine große Rolle. So bietet man in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule verschiedene technische und didaktische Fortbildungen für die Lehrkräfte  der Stadt an „Das Wissen fällt ja nicht einfach vom Himmel“, meint Gausmann. Hinzu kommen Angebote zur Weiterbildung der Eltern. „Es reicht nicht, die Kinder zur Schule zu schicken. Sie müssen sich auch im Elternhaus mit den neuen Medien auseinandersetzen“, sagt Gausmann.

Doch wie lässt sich all das finanzieren? Da Bildung in Deutschland Aufgabe der Länder ist, erfolgt die Finanzierung der Digitalisierung vorrangig über das jeweilige Bundesland. Für den städtischen Medienentwicklungsplan standen der Stadt Rheine in den vergangenen Jahren rund 7,5 Millionen Euro zur Verfügung, über das nordrhein-westfälische Förderprogramm „GuteSchule2020“ kamen weitere 7,5 Millionen Euro hinzu. Weitere vier Millionen Euro stammen aus den Mitteln des Bundesförderprogramms „Digitalpakt Schule“. Insgesamt konnte man in Rheine in den vergangenen Jahren somit auf ca. 20 Millionen Euro zurückgreifen, um die Digitalisierung der eigenen Schulen voranzutreiben – eine Summe, die die tatsächlichen Kosten aber bei weitem nicht decke, wie Gausmann betont. „Das reicht natürlich noch lange nicht aus. Das Investitionsvolumen ist dann nochmal deutlich höher.“

Soll die Digitalisierung des Bildungssystems mittelfristig gelingen, brauche es eine bundesweite Strategie, meint Gausmann. Neben der technischen Ausstattung der Schulen sollte besonders die Lehrerausbildung sowie der Einbezug der Eltern in den Blickpunkt der Politik geraten – Themen, die in der Kommunalpolitik Rheines bereits präsent sind. „Wir brauchen eine Vision. Ohne eine Vision ist all das nichts wert.“

Raimund Gausmann sorgt in seiner Rolle als Beigeordneter für Bildung, Familie, Soziales, Migration und Integration in Rheine für den digitalen Fortschritt an den Schulen. Foto: © Privat

Raimund Gausmann sorgt in seiner Rolle als Beigeordneter für Bildung, Familie, Soziales, Migration und Integration in Rheine für den digitalen Fortschritt an den Schulen. Foto: © Privat

Einer von drei PC-Räumen im Dionysianum. Sie wurden von der Stadt finanziert. Foto: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

Einer von drei PC-Räumen im Dionysianum. Sie wurden von der Stadt finanziert. Foto: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

3. Medienkompetenztage

Digitale Projekte als Zukunftshelfer

„Maxi vergisst seine Hausaufgaben, weil er eine Netflix-Serie zu Ende schauen möchte”, liest eine Siebtklässlerin vor. Ihr Augen haften kurz auf dem laminierten DIN-A-4-Zettel in ihrer Hand, während sie überlegt. Dann platziert sie ihn in der Mitte des Stuhlkreises, wo bereits acht weitere Zettel liegen, zwischen „Daniel vernachlässigt seine Hygiene, weil er Computerspiele spielen möchte.” und “Lea macht vor jeder Mahlzeit ein Foto von ihrem Essen und verschickt es über Snapchat.” „Ich würde das eher bei riskantem Umgang einordnen”, urteilt die Siebtklässlerin und setzt sich zurück auf ihren Platz. „Alle einverstanden?”, fragt Josefine Walters. Sie ist in der neunten Klasse und betreut, zusammen mit vier weiteren Mädchen aus ihrer Klassenstufe, den Workshop. Die Kinder im Stuhlkreis nicken.

“Suchtfaktor” heißt der Workshop, bei dem die Schüler:innen der siebten Klassen insgesamt 20 Szenarien zum Umgang mit Medien einordnen sollen. Er ist Teil der Medienkompetenztage, die das Jugendamt jährlich für die weiterführenden Schulen der Stadt Rheine organisiert. „Es geht uns nicht darum, zu sagen, das ist richtig und das ist falsch. Vielmehr sollen die Schüler und Schülerinnen eine Möglichkeit bekommen, sich auszutauschen”, sagt Carolin Kirchhoff vom Jugendamt der Stadt Rheine. „Die Kinder sollen merken: Mensch, hier ist meine Wahrnehmung anders als die der anderen. Oder: Damit würde ich bei anderen eine Grenze überschreiten.”

Neben “Suchtfaktor” behandeln die Workshops Themen wie Cybermobbing, Selbstdarstellung und Datenschutz. Geleitet werden sie von “Schüler:innen als Multiplikatoren”, auch SaMs genannt. In der achten Klasse bekommen Schüler:innen in Rheine die Möglichkeit, sich für eine Ausbildung zum SaM zu bewerben. 40 werden pro Jahrgang angenommen und nehmen dann etwa einmal wöchentlich an Schulungen teil, bei denen sie zunächst lernen, Gruppen zu verstehen und zu leiten, und anschließend über Themen wie Sucht, Sexualität und Jugendschutz aufgeklärt werden. „Sinn und Zweck davon ist, dass die SaMs ihr Wissen bei Workshops und im Alltag an ihre Mitschüler und Mitschülerinnen weitergebe. Das Wissen, das sie bei uns erwerben, soll sozusagen multipliziert werden”, sagt Kirchhoff.

Damit digitaler Unterricht klappen kann, müssen nicht nur die Schüler:innen, sondern auch die Lehrkräfte Medienkompetenz mitbringen.

Foto: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette
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Video: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

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4. Neue Herausforderungen für Lehrkräfte

Die Superhelden der Zukunft

„Im ersten Lockdown lief alles über E-Mail. Es gab noch keine Videokonferenzen und alles war sehr ungeordnet. Das hat bei mir Stress ausgelöst”, erzählt eine Schülerin, während sie sich ans Frühjahr 2020 zurückerinnert. Wie die meisten Schulen trifft die Corona-Pandemie auch das Dionysianum zunächst unvorbereitet. Nicht alle Lehrkräfte schienen mit den neuen Programmen, Tools und Medien sofort zurechtzukommen. Man merke, welchen Lehrern es wichtig ist, sich mit Medien auszukennen, sagt eine andere Schülerin. Die stellvertretende Schulleiterin Karin Schulz-Benneke bestätigt diese Beobachtung: „Manchen fällt es leicht, und die bringen dann von vornherein schon neues Wissen und neue Ideen mit. Andere brauchen etwas länger”, sagt sie.

Als im Frühjahr 2020 der Unterricht erstmal digital stattfinden muss, sind viele Lehrkräfte überfordert. „Ich habe damals wahnsinnig viele YouTube-Videos produziert”, erinnert sich zum Beispiel Daniel Janssen. Er unterrichtet Informatik und bringt daher Know-How mit, das viele seiner Kolleg:innen nicht haben.

Doch einen Vorteil hat das Dionysianum gegenüber anderen Schulen. „Wir haben hier unter den Lehrkräften eine sehr vielfältige Altersstruktur”, sagt Schulleiter Oliver Meer. Das sei am Anfang, als er Schulleiter geworden sei, anders gewesen, erinnert er sich. Als damals viele Lehrer:innen in Rente gingen, versuchte er, die frei werdenden Stellen nicht nur mit jungen Lehrkräften, sondern auch mit Quereinsteigern zu besetzen. „Die Jüngeren können den Älteren nun etwas unter die Arme greifen, wenn es um neue technische Herausforderungen geht.”

Daniel Janssen unterrichtet Informatik und koordiniert die Kommunikation zwischen dem Dionysianum und der IT-Abteilung der Stadt Rheine. Foto: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

Daniel Janssen unterrichtet Informatik und koordiniert die Kommunikation zwischen dem Dionysianum und der IT-Abteilung der Stadt Rheine. Foto: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

Fortbildungen braucht es dennoch. Deshalb hat das Dionysianum im Herbst 2020 eine Flatrate bei dem Fortbildungsportal Fobizz für Lehrende gebucht. „Drei Monate lang konnten sich die Lehrkräfte selbstständig fortbilden, wenn sie das wollten”, sagt Schulz-Benneke. Angeboten werden Kurse wie “GarageBand: Musik im Unterricht produzieren” und “Blogs im Unterricht mit WordPress”. Gerade in der Phase des harten Lockdowns sei dasein gutes Angebot gewesen, erinnert sich Janssen.

Langfristig wünschen sich die meisten Lehrer:innen den analogen Schulalltag zumindest teilweise zurück. „Der persönliche Kontakt zu den Schüler:innen fehlt schon. Im Fernunterricht ist es viel schwieriger, die Kinder zu motivieren.”, sagt Janssen. Auch die Kommunikation laufe besser. Auf der anderen Seite bieten die digitalen Methoden, die sich das Kollegium wohl oder übel aneignen musste, neue Perspektiven. „Manche Tools, die wir für uns entdeckt haben, bieten tolle Funktionen”, schwärmt Schulz-Benneke. „Selbst wenn kein weiterer Lockdown kommen sollte, kann ich mir gut vorstellen, dass wir manches davon nun regelmäßiger verwenden werden.” Beispielsweise E-Book-Creator, in denen sich Schüler:innen kreativ austoben können, oder iServ, um Dokumente mit den Schüler:innen zu teilen.

Frage an Schulleiter Oliver Meer: Ist es für Lehrkräfte schwer, sich an die digitale Lehre zu gewöhnen? Video: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

Frage an Schulleiter Oliver Meer: Ist es für Lehrkräfte schwer, sich an die digitale Lehre zu gewöhnen? Video: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

Foto: © Max Beuthner, Alexandra Hilpert, Alexander Nette

5. Wie soll Schule in Zukunft aussehen?

Expert:innen liefern Antworten

„Wir haben hier eigentlich eine ideale Infrastruktur für digitalen Unterricht”, sagt Informatiklehrer Janssen. Und eine solche Infrastruktur wird immer wichtiger – das findet auch Thomas Hickfang, Lehrbeauftragter an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig und Leiter des Medienpädagogischen Zentrums in Leipzig. Im Video teilt er seine konkreten Vorstellungen davon, wie eine langfristige digitale Strategie an Schulen in Zukunft aussehen kann:

Frage an Dr. Thomas Hickfang: Warum ist Digitalisierung an Schulen wichtig? Video: © Shannon-Lee Bendig, Mona Berner, Alexander Nette

Frage an Dr. Thomas Hickfang: Warum ist Digitalisierung an Schulen wichtig? Video: © Shannon-Lee Bendig, Mona Berner, Alexander Nette

Eine der zentralen Aufgaben der Schulen sei es, laut Hickfang, Kinder zu mündigen Bürger:innen auszubilden. Und damit gehe auch das Verständnis von und der Umgang mit digitalen Medien einher. „Ich muss wissen, wie ein digitales Medium funktioniert, um die gesellschaftlichen Auswirkungen davon zu sehen“, so Hickfang. Damit beziehe er sich sowohl auf soziale Netzwerke wie Instagram und Facebook, als auch auf technische Geräte, wie Computer oder Handys.

Die Digitalisierung sorge dafür, dass didaktische Konzepte, die Mitgestaltung und Mitbestimmung der Schüler:innen erfordern, wieder an Relevanz gewinnen. „Der Einsatz eines digitalen Mediums im Unterricht bringt nichts, wenn ich es einsetze wie ein analoges Medium. Es geht darum, herauszufinden, was wir gemeinsam mit ihm machen können“, erläutert der Bildungsexperte.

Mit dem von der Politik beschlossenen Digitalpakt soll das bald Realität werden. Aber wieso fangen wir eigentlich erst jetzt damit an? Digitale Medien begleiten uns schließlich schon einige Jahre.
Hickfang sieht da zwei ausschlaggebende Gründe: „Das deutsche Bildungssystem ist sehr schwerfällig. Hinzu kommt, dass Bildung und Lerntätigkeit immer mehr zur Ware wird. Eltern wollen, dass ihre Kinder einen guten Beruf bekommen und eine gesicherte Zukunft haben.“ Demgegenüber stehe das „Lernen als Bedürfnis“, um die soziale Gesellschaft mitzubestimmen. Dieses gegensätzliche Verhältnis gebe es immer in einer Gesellschaft, aber momentan verschiebe sich das viel zu stark. Die Gründe dafür sieht Hickfang in der Politik und der Wirtschaft, die einen enormen Einfluss auf die Schulen ausübten.

Die Bildungsexpertin Verena Pausder kommt aus ebenjener Wirtschaft. Sie ist die Gründerin des Unternehmens Fox & Sheep, dessen Fokus auf Kinderapp- und Spieleentwicklung liegt. Während der Corona-Krise, im Jahr 2020, schrieb die Expertin für digitale Bildung ihr Buch „Das neue Land“. Dort macht sie konkrete Aussagen und Vorschläge, wie digitale Bildung an unseren Schulen in Zukunft aussehen sollte.

Für die gebürtige Bielefelderin muss es einen Unterricht geben, der stärker das Ziel als den Weg vorgebe. Ein Unterricht, bei dem die Lehrer:innen zu Lernbegleiter:innen werden ‒ und zwischen analogem und digitalem Unterricht wechseln können.
Außerdem sei es wichtig, das Curriculum zu “entschlacken”. Anstatt neue Unterrichtsfächer einzuführen, die sich explizit mit digitaler Bildung auseinandersetzen, sei es zielführender, die bestehenden Fächer mit Hilfe von digitalen Medien zu lehren. „Was spricht dagegen, für das Fach Geschichte einen Podcast aufzunehmen. […] Ermutigen wir unsere Kinder, eigenen, hochwertigen Content zu erstellen, statt reine Konsumenten zu sein.“
Für eine entsprechende Infrastruktur sei eine sogenannte Systemadministrator:innen-Allianz nötig, die dafür sorgt, dass Schulen eine funktionierende digitale Infrastruktur und ein professionelles Systemmanagement haben.

Besonders wichtig bei der digitalen Entwicklung der Schulen sei allerdings ‒ und da sind sich Dr. Thomas Hickfang und Verena Pausder einig ‒ die Gewährleistung von Chancengleichheit. Alle Schüler:innen sollten die gleichen Möglichkeiten auf Bildung, vor allem auf digitale Bildung, haben. Für Pausder bedeutet das auch, „dass alle Schüler:innen einen Computer zu Hause haben ‒ und dass ein Internetzugang eine Selbstverständlichkeit ist. Eine Selbstverständlichkeit wie Strom, wie Wasser, wie Wärme.“ Diese Chancengleichheit ist bisher noch nicht überall gewährleistet. Nicht alle Familien können es sich leisten, ihren Kindern technische Geräte in einem Umfang bereitzustellen, der notwendig wäre, um digitalen Unterricht zu ermöglichen. Die Stadt Rheine bietet für solche Fälle an, dass Kinder sich langfristig ein iPad leihen können.

Frage an Dr. Thomas Hickfang: Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Video: © Shannon-Lee Bendig, Mona Berner, Alexander Nette

Frage an Dr. Thomas Hickfang: Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Video: © Shannon-Lee Bendig, Mona Berner, Alexander Nette

Das Dionysianum in Rheine ist nur ein Beispiel dafür, wie Schulen digitale Medien in ihren Unterrichtsalltag einbinden können. Dass deutschlandweit noch viel Luft nach oben ist, hat spätestens die Corona-Krise gezeigt. Die meisten Schulen waren auf den Distanzunterricht und die plötzliche Umstellung nicht vorbereitet. Häufig folgten provisorische digitale Lösungen, die Schüler:innen wie Lehrkräften viel abverlangten. Doch nicht nur in Zeiten von Corona brauche es Digitalisierung, meint Raimund Gausmann von der Stadt Rheine: „Die Möglichkeit digitaler Angebotsformen in Schulen ermöglicht besseres Lernen. Wir haben besseren Zugriff auf Informationen als je zuvor. Das schafft neue Möglichkeiten, die wir nutzen sollten.”

Dr. Thomas Hickfang in seinem Büro im Medienpädagogischen Zentrum in Leipzig. Foto: © Shannon-Lee Bendig, Mona Berner, Alexander Nette

Dr. Thomas Hickfang in seinem Büro im Medienpädagogischen Zentrum in Leipzig. Foto: © Shannon-Lee Bendig, Mona Berner, Alexander Nette

In ihrem Buch "Das neue Land" beschreibt Unternehmerin Verena Pausder, was sich in Deutschland ändern muss, um eine digitale innovative und menschlichere Gesellschaft zu werden. Foto: © Sebastian Arlt

In ihrem Buch "Das neue Land" beschreibt Unternehmerin Verena Pausder, was sich in Deutschland ändern muss, um eine digitale innovative und menschlichere Gesellschaft zu werden. Foto: © Sebastian Arlt

Foto-/Video Credits

Shannon-Lee Bendig
Mona Berner
Max Beuthner
Alexandra Hilpert
Alexander Nette

Sebastian Arlt

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Alexandra Hilpert (V. i. S. d. P.) mailalexandrahilpert@gmail.com

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